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Blattgold in der Malerei: Wie 24 Karat Licht speichern

Gold ist das einzige Material, das Licht nicht nur zurückwirft, sondern es im Raum zu vermehren scheint. Über eine jahrhundertealte Technik und ihre zeitgenössische Form.

Gemälde aus der Serie Golden Things von Juliane Golbs in einem Raum mit orangefarbenem Bogen

Kaum ein Material hat in der Malerei eine so lange Geschichte wie Gold. Über Jahrhunderte stand es für das Heilige, das Unvergängliche und das Kostbare. In der zeitgenössischen Kunst hat es eine neue Rolle gefunden. Bei der Hamburger Künstlerin Juliane Golbs wird Blattgold zum Lichtträger.

Eine kurze Geschichte des Goldes in der Kunst

Der Goldgrund: Licht statt Raum

Der Goldgrund, ein Hintergrund aus Blattgold, ist seit dem 4. Jahrhundert in der westlichen und byzantinischen Kunst belegt. Er stammt aus den byzantinischen Mosaiken und wurde in Buchmalerei und Tafelmalerei übernommen. Statt eines Raumes zeigt er eine feierliche, zeitlose Fläche, vor der die Figuren isoliert erscheinen. In Italien war er für religiöse Bilder bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts fast die Regel.

Man versteht den Goldgrund am besten, wenn man sich vorstellt, wo diese Bilder hingen: in Kirchen, die von Kerzen und schmalen Fenstern erhellt wurden. Das Gold fing jedes Flackern auf. Die Heiligen standen nicht vor einer gemalten Landschaft, sondern in einem Licht, das sich mit dem Betrachter bewegte.

Cennino Cennini: das Handwerk hinter dem Glanz

Wie aufwendig diese Technik war, wissen wir aus einer der wichtigsten Quellen der Kunstgeschichte. Um 1400 schrieb der Florentiner Maler Cennino Cennini sein „Il libro dell’arte“, ein Handbuch für die Werkstatt. Darin beschreibt er die Vergoldung einer Tafel Schritt für Schritt.

Auf den Kreidegrund kommt zunächst ein feiner Ton, der armenische Bolus, mit Eiweiß angerieben und in etwa vier dünnen Schichten aufgetragen. Cennini empfiehlt, die Güte des Bolus zu prüfen, indem man ihn an die Unterlippe hält; haftet er, ist er gut. Vergoldet wird bei mildem, feuchtem Wetter. Die Fläche wird mit verdünntem Eiweiß benetzt, das Blatt mit einem Kartenstück aufgenommen, aufgelegt und mit Baumwolle angedrückt. Jedes neue Blatt überlappt das vorige ein wenig.

Erst danach entsteht der Glanz. Poliert wird mit einem Stein, am liebsten Hämatit, ersatzweise mit Edelsteinen oder einem Tierzahn, zuerst in eine Richtung, dann quer dazu. Fertig ist das Gold, so Cennini sinngemäß, wenn es vor lauter Glanz beinahe dunkel erscheint. Ein schöneres Bild für das, was Gold mit Licht macht, gibt es kaum.

Vom Verschwinden und der Rückkehr

Im 16. Jahrhundert verdrängten Landschaft und Perspektive den Goldgrund in der westlichen Malerei. Nur die byzantinisch-russische Ikonenmalerei hielt an ihm fest. Um 1900 kehrte das Gold zurück, am bekanntesten in der „goldenen Periode“ von Gustav Klimt in Wien.

Klimts Weg dorthin führte über Ravenna. Im Dezember 1903 besuchte er die Basilika San Vitale und studierte die byzantinischen Goldmosaiken von Kaiser Justinian und Kaiserin Theodora. Er nannte sie später von „unglaublicher Pracht“ und eine Offenbarung. Im selben Jahr begann er das Bildnis Adele Bloch-Bauer I, das er 1907 vollendete: Öl, Silber- und Blattgold auf Leinwand, 140 mal 140 Zentimeter. Das Werk hängt heute in der Neuen Galerie in New York.

In seinem Gemälde „Der Kuss“ (1908/09) im Belvedere liegt echtes Blattgold auf den Figuren, während der Hintergrund aus Schlagmetall besteht. Gold steht hier für Ornament, Sinnlichkeit und Moderne zugleich. Klimt holte ein mittelalterliches Material in die Gegenwart, ohne es religiös zu meinen.

Gold in Japan: Kōrins Schwertlilien

Während Europa den Goldgrund aufgab, entwickelte Japan eine ganz eigene Kultur des Goldes. Eines ihrer berühmtesten Beispiele sind die „Schwertlilien“ von Ogata Kōrin, ein Paar sechsteiliger Stellschirme, meist um 1705 datiert. Jeder Schirm misst etwa 151 mal 339 Zentimeter. Kōrin malte die Blüten in Farbe auf Goldfolie über Papier, ohne Erde, ohne Wasser, ohne Brücke. Nur die Lilien in Blau und Grün, rhythmisch über die goldene Fläche verteilt.

Das Motiv stammt aus der klassischen Dichtung, aus einer Episode der „Ise Monogatari“, in der Schwertlilien an einem Fluss eine Erinnerung auslösen. Kōrin lässt die Erzählung weg und behält die Stimmung. Die Schirme gehören heute dem Nezu Museum in Tokio und sind als Nationalschatz eingestuft.

Für die Malerei der Gegenwart ist dieses Werk bemerkenswert, weil es Gold nicht als Symbol des Heiligen einsetzt, sondern als Raum für Blüten und Licht. Eine Fläche, die nichts erklärt und alles trägt. Wer heute florale Malerei auf goldenem Grund betrachtet, sieht etwas von dieser Haltung wieder.

Heute arbeiten Künstlerinnen und Künstler weltweit wieder mit Blattgold, weil kein anderes Material so auf Licht reagiert.

Was Blattgold so besonders macht

Blattgold ist Gold, das zu hauchdünnen Blättern geschlagen wird. Ein übliches Blatt ist nur etwa 0,1 Mikrometer dick, rund tausendmal dünner als ein menschliches Haar. Im 14. Jahrhundert waren es noch etwa 1 Mikrometer. Es wird auf einen vorbereiteten Untergrund aufgelegt, der es bindet. Dabei unterscheidet man zwischen echtem Blattgold und Schlagmetall, einer günstigeren Legierung aus Kupfer und Zink.

Der Unterschied ist nicht nur ein Preisunterschied:

  • 24-Karat-Blattgold ist reines Gold. Es oxidiert nicht und behält seinen Glanz dauerhaft.
  • Schlagmetall kann mit der Zeit anlaufen und sich verfärben, wenn es nicht versiegelt wird.
  • Goldcremes und -pasten erlauben weichere Übergänge und lassen sich wie Farbe verarbeiten.

Zwei Wege, Gold zu binden

In der Werkstatt unterscheidet man grundsätzlich zwei Verfahren:

Polimentvergoldung. Das ist der Weg, den Cennini beschreibt: Blattgold auf einem Grund aus Bolus und Bindemittel. Nur so lässt sich das Gold anschließend auf Hochglanz polieren. Die Goldgründe der Tafelmalerei sind auf diese Weise entstanden. Die Technik ist anspruchsvoll und empfindlich gegenüber Feuchtigkeit.

Ölvergoldung. Hier haftet das Blatt auf einem Anlegeöl, der Mixtion. Ist das Öl bis auf eine leichte Klebrigkeit angetrocknet, wird das Gold aufgelegt. Das Ergebnis ist robuster und witterungsbeständiger, weshalb man diese Technik etwa bei Gittern und Kirchenausstattungen im Außenbereich findet. Der Glanz bleibt weicher, eher seidig als spiegelnd.

Für Malerei auf Leinwand ist der Unterschied wichtig: Eine Leinwand arbeitet, sie gibt nach und reagiert auf Klima. Ein starrer, polierter Bolusgrund ist dafür wenig geeignet. Zeitgenössische Malerei mit Gold arbeitet deshalb meist mit flexiblen Anlegemitteln, die sich mit den Farbschichten verbinden.

Die Technik von Juliane Golbs

Juliane Golbs nutzt echtes 24-Karat-Blattgold und feine Goldcremes. Sie trägt das Gold Schicht für Schicht in die Malerei ein, statt es als Rahmen oder Hintergrund zu verwenden. Zwischen den Goldschichten liegen hochpigmentierte Acrylfarben, Pastell, Kreide und Lacke. Viele Schichten trägt sie mit den Fingern auf.

Ausschnitt eines Blütengemäldes von Juliane Golbs in Magenta, Flieder und Weiß mit goldenen Pinselspuren
Ausschnitt aus einem Blütengemälde. Zwischen Magenta, Flieder und Weiß liegen warme, goldene Spuren, die erst im Streiflicht hervortreten.

Das Ergebnis ist ein Bild mit Tiefe. Weil das Gold zwischen den Farbschichten liegt, scheint das Licht aus dem Bild selbst zu kommen. Wo Klimt das Gold als Fläche einsetzte und die mittelalterlichen Maler als Grund, wird es hier zu einem Teil der Geste. Es sitzt in einer Blüte, in einer Linie, unter einem Schleier aus Farbe.

In den Werkangaben ihrer Bilder lässt sich das ablesen. Dort stehen Kombinationen wie „Acryl | Blattgold auf Leinwand“, „Acryl | Goldlack auf schwarzer Leinwand“ oder „Acryl, Goldlacke und Blattgold auf Leinwand“. Jedes Material hat seine Aufgabe: Blattgold für das Licht, das sich mit dem Tag verändert, Goldlack für Linien und Strukturen, schwarze Leinwand für einen Grund, vor dem das Gold besonders tief leuchtet.

Warum sich ein Goldbild mit dem Tag verändert

Ein Gemälde mit Blattgold ist nie zweimal gleich. Im kühlen Morgenlicht erscheint das Gold fast silbrig und zurückhaltend. Zur Mittagszeit leuchtet es hell. Am Abend, bei warmem Kunstlicht oder tief stehender Sonne, beginnt es zu glühen.

Physikalisch liegt das daran, dass Gold Licht nicht streut wie ein Pigment, sondern spiegelt. Was man sieht, hängt also vom Winkel ab: von der Position der Lichtquelle und von der eigenen. Wer an einem Goldbild vorbeigeht, sieht es sich verändern. Das ist dieselbe Erfahrung, die Kirchenbesucher vor sechshundert Jahren vor einem Altarbild hatten.

Genau dieses Verhalten untersucht die Serie Golden Things. Sie fängt die flüchtige Schönheit der „goldenen Stunde“ ein und macht sie dauerhaft verfügbar. Ein solches Werk sieht am Morgen anders aus als am Abend.

Blattgold-Kunst im eigenen Raum: Hinweise für Sammler

Großformatiges florales Gemälde von Juliane Golbs vor einer Wand aus Holzlamellen, davor ein grauer Lounge-Sessel
Ein großformatiges Werk vor Holzlamellen, Ansicht im Raum. Warme Materialien im Umfeld nehmen die Gelb- und Ockertöne des Bildes auf.

Ein Werk mit Blattgold entfaltet sich am schönsten, wenn man einige Dinge beachtet:

  1. Licht bewusst wählen. Seitliches Tageslicht und warmes, gerichtetes Kunstlicht bringen das Gold zum Leben. Direkte Mittagssonne über Stunden sollte man vermeiden.
  2. Den Blickwinkel bedenken. Weil Gold spiegelt, wirkt ein Werk an einer Wand, an der man vorbeigeht, oft lebendiger als an einer Stelle, die man nur frontal sieht.
  3. Nicht reinigen. Blattgold ist empfindlich gegenüber Reibung und Feuchtigkeit. Staub entfernt man höchstens mit einem sehr weichen, trockenen Pinsel.
  4. Den Ort vorher prüfen. Wie ein Werk im eigenen Raum wirkt, lässt sich im Atelier von Juliane Golbs durch Probehängen klären: gegen einen kleinen Aufpreis, der beim Kauf verrechnet wird.
  5. Auf das Material achten. Bei einem Original sollte klar sein, ob echtes Blattgold, Goldlack oder Schlagmetall verwendet wurde. Im Atelier von Juliane Golbs wird das Material offen benannt.

Mehr Orientierung für den Erwerb eines Originals gibt der Leitfaden Abstrakte Kunst kaufen.

Gold als Haltung

Für Juliane Golbs ist Gold auch eine Haltung. Sie setzt auf ein Material, das nicht verblasst. Ein Bild mit echtem Blattgold leuchtet in zwanzig Jahren noch so wie am ersten Tag.

Damit steht sie in einer langen Linie: von den Mosaiken in Ravenna über die Werkstätten, für die Cennini schrieb, bis zu Klimts Wien. Neu ist der Ton. Ihr Gold ist nicht feierlich und nicht entrückt. Es ist warm, beweglich und Teil eines Bildes, das vom Leben erzählt.

Wie das Material im Atelier eingesetzt wird, beschreibt die Seite Studio im Abschnitt „Die Haptik des Luxus“. Mehr über die Künstlerin erzählt das Porträt von Juliane Golbs.

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Häufige Fragen

Was ist Blattgold?

Blattgold ist Gold, das zu hauchdünnen Blättern geschlagen wird. Ein Blatt ist nur etwa ein Zehntausendstel Millimeter dick und wird mit einem Pinsel oder Kissen auf einen vorbereiteten Untergrund aufgelegt.

Wie pflegt man ein Gemälde mit Blattgold?

Am besten gar nicht aktiv: nicht mit feuchten Tüchern oder Reinigungsmitteln berühren, vor direkter Sonne und starker Feuchtigkeit schützen und Staub höchstens mit einem sehr weichen, trockenen Pinsel entfernen.

Läuft 24-Karat-Blattgold an?

Reines Gold oxidiert nicht. Deshalb behält 24-Karat-Blattgold seinen Glanz dauerhaft, anders als Schlagmetall oder Gold mit geringerem Feingehalt.

Was ist der Unterschied zwischen Poliment- und Ölvergoldung?

Bei der Polimentvergoldung wird das Blattgold auf einen Bolusgrund gelegt und kann anschließend auf Hochglanz poliert werden; so entstanden die Goldgründe der Tafelmalerei. Bei der Ölvergoldung haftet das Gold auf einem Anlegeöl (Mixtion). Sie ist robuster, bleibt aber matter.

Quellen

8 Quellen
  1. Wikipedia: Goldgrund
  2. Wikipedia: Blattgold
  3. Belvedere Wien: Gustav Klimt, Der Kuss (Liebespaar), Sammlung Online
  4. Cennino Cennini: Il libro dell’arte, Kap. CXXXI–CXXXVIII (engl. Übers. D. V. Thompson)
  5. Neue Galerie New York: Gustav Klimt, Bildnis Adele Bloch-Bauer I (1907)
  6. Wikipedia: Portrait of Adele Bloch-Bauer I
  7. Wikipedia: Vergoldung
  8. Columbia University: Ogata Kōrin, Irises (Nezu Museum)