Florale Malerei in der Gegenwart: vom Stillleben zur Abstraktion
Seit vierhundert Jahren malen Künstler Blumen, die es so nie gegeben hat. Eine kurze Geschichte der floralen Malerei, vom Prunkstrauß bis zur Abstraktion.

Kaum ein Motiv ist so alt und zugleich so lebendig wie die Blüte. Seit Jahrhunderten malen Künstlerinnen und Künstler Blumen, und doch haben sie fast nie einfach abgebildet, was vor ihnen stand. Schon die ersten großen Blumenstücke zeigten Sträuße, die es so nie gegeben hat. Von dort führt ein erstaunlich gerader Weg zur abstrakten floralen Malerei der Gegenwart.
Um 1600: der unmögliche Strauß
Um 1600 wurde das Blumenstück in den Niederlanden zu einer eigenständigen Gattung. Das Kunsthistorische Museum Wien beschreibt den Anspruch der Maler so: Sie wollten die Natur selbst übertreffen, indem sie Blüten verschiedener Jahreszeiten in einem einzigen Arrangement vereinten. Jan Brueghel der Ältere versammelte in seinem Großen Blumenstrauß von 1606/07 rund 130 seltene Blumen, eher ein gemaltes Verzeichnis als ein wirklicher Strauß.
Auch Ambrosius Bosschaert, den das Mauritshuis als ersten Maler bezeichnet, der sich ausschließlich dem Blumenstillleben widmete, malte jede Blüte nach der Natur, setzte sie aber zu einem erfundenen Ganzen zusammen. In einem seiner Sträuße um 1618 blühen rund dreißig Blumen gemeinsam, die in Wirklichkeit nie zur selben Zeit geblüht hätten.
Die Blumen waren kostbar. In den 1630er-Jahren wurde mit Tulpenzwiebeln spekuliert, bis der Markt 1637 zusammenbrach und viele Käufer ruinierte. Ein gemalter Strauß war beständiger als jeder echte, und er war ein Zeichen von Wissen, Wohlstand und Weltläufigkeit. Malerinnen wie Rachel Ruysch führten die Gattung bis ins 18. Jahrhundert weiter.
Die Blüte als Gleichnis
Neben der Pracht trugen viele Blumenbilder eine zweite Ebene. In Jan Brueghels Blumenstrauß in einem Tonkrug um 1607 verweisen eine ausgerissene Alpenveilchenpflanze und verstreute Münzen und Schmuckstücke auf die Vergänglichkeit irdischer Dinge. Das Blumenbild war immer auch ein Bild der Zeit: Was gerade blüht, wird bald welken. Die Malerei hält den Moment fest, den die Natur nicht festhalten kann.
Diese Spannung zwischen Fülle und Vergänglichkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte der floralen Malerei. Sie ist auch in der Gegenwart nicht verschwunden.

Monet: das Bild als Raum
Um 1900 verschob sich die Frage. Nicht mehr die einzelne Blüte stand im Mittelpunkt, sondern das Licht, das sie umgibt. Claude Monet malte in seinem Garten in Giverny über Jahrzehnte die Seerosen auf seinem Teich. Am 12. November 1918, einen Tag nach dem Waffenstillstand, bot er dem französischen Staat Bilder des Zyklus als Geschenk an. Insgesamt umfasst der Zyklus fast 300 Gemälde, darunter mehr als 40 große Formate.
Im Pariser Musée de l’Orangerie wurden acht Kompositionen in zwei ovalen Sälen installiert und im Mai 1927 eröffnet, wenige Monate nach Monets Tod. Sie bedecken rund 200 Quadratmeter auf fast 100 laufenden Metern, beleuchtet von Tageslicht, das von oben einfällt. Je nach Wetter verändern sich die Bilder. Die Blüte ist hier kaum noch Gegenstand. Sie ist Farbe auf Wasser, Licht auf Fläche: ein entscheidender Schritt zur Abstraktion.
O’Keeffe: die Blüte ganz nah
Einen anderen Weg ging Georgia O’Keeffe in den 1920er-Jahren. Statt den Blick zu weiten, rückte sie ganz nah heran. Angeregt durch die moderne Fotografie, besonders durch Paul Strand, schnitt sie kleine, alltägliche Blüten eng an und vergrößerte sie auf Leinwände von über einem Meter Höhe. Ihr Bild Flower Abstraction von 1924, heute im Whitney Museum, misst etwa 122 × 76 Zentimeter; die Blüte scheint über die Ränder hinauszuwachsen. Je näher man herangeht, desto mehr löst sich die Blume in Form und Farbe auf.
Monet und O’Keeffe zeigen zwei Wege zur floralen Abstraktion: die Auflösung in Licht und die Auflösung durch Nähe. Beide Wege leben in der Gegenwart weiter.
Florale Abstraktion heute
Zeitgenössische florale Malerei muss die Blüte nicht mehr beweisen. Sie darf andeuten. Oft reichen ein Farbklang, eine Folge von Tupfen, ein Rhythmus aus Gesten, um an einen Garten, eine Wiese, einen Strauß zu erinnern. Gerade darin liegt ihre Kraft im Wohnraum: Abstrakte Blumenbilder bringen Natur ins Haus, ohne eine Geschichte zu erzwingen, und sie verändern sich mit dem Licht des Tages.
Bei Juliane Golbs ist die Blüte eines der zentralen Motive. In der Serie Everlasting Blossoms entstehen florale Abstraktionen, die sich der Vergänglichkeit widersetzen; ein Teil des Erlöses geht an die NCL-Stiftung. Ein Werk wie 02 | 2023 setzt Blüten auf schwarzen Grund, mit Acryl, Lack und Goldlack, und erinnert damit an die dunklen Hintergründe der alten Blumenstücke, aus denen die Farben hervorleuchten.
In der Serie Fifth Season #heaven can wait formen sich Blüten und lösen sich wieder auf, oft mit zeichnerischen Spuren von Stiften und Kreide. Großformate wie 09 | 2026 oder 03 | 2026 mit 150 × 200 Zentimetern stehen dabei in der Tradition der großen floralen Fläche, kleinere Arbeiten wie 07 | 2026 mit 30 × 40 Zentimetern zeigen dieselbe Sprache im intimen Maß.

Der alte Kunstgriff der niederländischen Maler, Blüten verschiedener Jahreszeiten in einem Bild zu vereinen, hat dabei eine neue Bedeutung bekommen. Die Serie Fifth Season handelt von gelebter Zeit und dem Licht in der Gegenwart. Eine „fünfte Jahreszeit“, in der alles zugleich blüht, ist in der Malerei möglich, seit es Blumenbilder gibt.
Wie man ein abstraktes Blumenbild liest
Ein abstraktes Blumenbild erschließt sich anders als ein Stillleben. Man sucht nicht die Tulpe oder die Rose, sondern folgt der Bewegung der Farbe. Drei Fragen helfen beim Betrachten:
- Woher kommt das Licht? In vielen floralen Abstraktionen entsteht Helligkeit nicht durch eine Lichtquelle, sondern durch Schichten. Helle Tupfen auf dunklem Grund wirken wie Blüten in der Dämmerung, Weiß zwischen Farbflächen wie Licht, das durch Laub fällt.
- Wie bewegt sich das Bild? Ranken, Farbläufe und Gesten geben eine Richtung vor. Manche Bilder wachsen von unten nach oben wie ein Beet, andere fallen von oben herab wie ein Blütenvorhang.
- Was geschieht aus der Nähe? Aus der Distanz sieht man einen Garten, aus der Nähe Material: pastose Stellen, feine Linien, Glanz von Lack oder Gold. Diese doppelte Lesbarkeit unterscheidet ein Original von jeder Reproduktion.
Gerade die Verbindung von Fernwirkung und Nahsicht verbindet die zeitgenössische florale Malerei mit ihren Vorläufern. Schon die niederländischen Maler wollten, dass man nah herantritt, um Tautropfen und Insekten zu entdecken. Heute entdeckt man Pinselspuren, Kreidestriche und Lichtreflexe.
Die Farbe der Blüte
Florale Malerei ist immer auch Farbmalerei. Jede Palette erzählt etwas anderes:
- Rosé, Pfirsich und Weiß erinnern an Kirsch- und Apfelblüte, an den Beginn eines Jahres.
- Pink und Magenta sind die Farben des Hochsommers, intensiv und selbstbewusst.
- Grün und Türkis rücken die Pflanze in den Vordergrund, weniger die Blüte als das Wachsen.
- Gold verwandelt den Garten in ein Bild der Dauer, wie der Goldgrund der alten Tafelmalerei.
Im Werk von Juliane Golbs begegnen sich diese Farbwelten oft auf einer Fläche, gelegentlich mit Goldlack oder Blattgold, der das Licht des Raumes aufnimmt.
Blumen, die nicht welken
Die alten Blumenstücke waren auch deshalb begehrt, weil sie im Winter blühten. Ein gemalter Strauß überdauerte jede Saison. Dieses Versprechen trägt die florale Malerei bis heute. In einem Wohnraum verändert sich ein Blumenbild mit dem Licht: Am Morgen wirken kühle Töne frischer, am Abend leuchten warme Farben und Goldflächen auf. Im Sommer spiegelt das Bild den Garten draußen, im Winter ersetzt es ihn.
Juliane Golbs hat diesem Gedanken in der Serie Everlasting Blossoms einen Namen gegeben: florale Abstraktionen, die niemals welken. Dass ein Teil des Erlöses an die NCL-Stiftung geht, die sich der Erforschung der Kinderdemenz NCL widmet, verbindet das alte Thema der Vergänglichkeit mit einer sehr gegenwärtigen Verantwortung. Mehr dazu erzählt der Beitrag über die NCL-Stiftung.
Ein Blumenbild auswählen
Wer ein abstraktes Blumenbild für den eigenen Raum sucht, sollte zuerst nach der Farbwelt fragen, dann nach dem Format.
- Helle, pastellige Werke wirken wie ein offener Garten und passen in ruhige Wohnräume und Schlafzimmer.
- Kräftige Farben, etwa Pink, Magenta oder Orange, setzen einen Mittelpunkt und vertragen eine schlichte Umgebung.
- Dunkle Gründe mit Gold wirken festlich und elegant, besonders unter warmem Abendlicht.
Im Werkverzeichnis lassen sich die Werke nach Farbe filtern, und der Kunstberater fragt Stimmung und Format gezielt ab. Gegen einen kleinen Aufpreis, der beim Kauf verrechnet wird, lässt sich jedes verfügbare Werk zur Probe hängen.
Vierhundert Jahre nach den ersten unmöglichen Sträußen malen Künstlerinnen noch immer Blumen, die es so nicht gibt. Vielleicht gerade deshalb bleiben sie.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es Blumenstillleben als eigene Gattung?
Um 1600 wurde das Blumenstück in den Niederlanden zu einer eigenständigen Bildgattung. Maler wie Jan Brueghel der Ältere und Ambrosius Bosschaert kombinierten Blüten verschiedener Jahreszeiten zu Sträußen, die es in der Natur nie gegeben hätte.
Was unterscheidet abstrakte Blumenbilder von klassischen Stillleben?
Das klassische Stillleben zeigt Blüten botanisch genau, oft mit symbolischer Bedeutung. Abstrakte Blumenbilder lösen die Form auf: Farbe, Geste und Rhythmus erzählen von der Blüte, ohne sie abzubilden.
Welche Werke von Juliane Golbs sind floral?
Ein großer Teil ihres Werks arbeitet mit Blütenmotiven, besonders die Serien Everlasting Blossoms, Fifth Season und Fifth Season #heaven can wait. Ein Teil des Erlöses der Everlasting Blossoms geht an die NCL-Stiftung.
Wie hängt man ein großes Blumenbild am besten?
Mit ruhiger Umgebung und gutem, warmem Licht. Florale Abstraktionen wirken am stärksten, wenn sie nicht mit vielen anderen Bildern konkurrieren.
Quellen
4 Quellen
- Mauritshuis: In Full Bloom – Overview of the 17th-century Dutch flower still life 1600–1730
- Kunsthistorisches Museum Wien: Netherlandish Floral Still Life Painting (Saal 17)
- Musée de l’Orangerie: Geschichte des Zyklus der Seerosen (Nymphéas)
- Whitney Museum of American Art: Georgia O’Keeffe, Flower Abstraction (1924)


