Das Emblem von Venedig: Juliane Golbs bei der Venice Design Week 2025
Eine weiße Skulptur, eine historische Kirche, ein Abend voller Musik. Wie aus einer Live-Performance das Leitmotiv eines ganzen Festivals wurde.

In Venedig steht jedes neue Werk neben Jahrhunderten Kunstgeschichte. Im Oktober 2025 zeigte dort eine Künstlerin aus Hamburg eine Arbeit, die zum Gesicht eines ganzen Festivals wurde: eine Hasenskulptur, bemalt vor Publikum, in einer Kirche, an einem einzigen Abend.
Die Venice Design Week
Die Venice Design Week ist jünger, als ihr Schauplatz vermuten lässt. Das Festival wurde 2010 von der venezianischen Kulturvereinigung Arte e Design ins Leben gerufen. Es hat keine zentrale Messehalle, sondern verteilt sich über die Stadt: private Galerien, Museen, Wohnungen und Ateliers von Künstlern, Läden, Werkstätten. Wer das Programm verfolgt, läuft durch Venedig und entdeckt Design dort, wo es entsteht und gelebt wird.
Die Ausgabe 2025 fand vom 11. bis 19. Oktober statt und stand unter dem Titel „Tempora“. Es ging um Zeit, um die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft, um Design als Brücke zwischen Epochen, Kulturen und Wissen. Zum Festival gehören thematische Rundgänge, etwa zu den Goldschmieden der Stadt, und eine Preisverleihung für junge Talente aus Design, Kunst und Architektur.
Für ein Festival, das sich mit Zeit beschäftigt, ist Venedig der naheliegendste Ort der Welt. Kaum eine Stadt zeigt so offen, wie Neues in Altes hineinwächst.
San Leonardo: ein Kirchenraum als Bühne
Einer der Orte der Venice Design Week 2025 war die Kirche San Leonardo im Viertel Cannaregio, unweit der belebten Strada Nova. Dort zeigte das deutsche Designlabel WERNS eine Installation, die auf seiner preisgekrönten „Hiding Rabbit Lamp“ beruht. Die Leuchte zeigt einen Hasen, dessen Kopf unter einem Lampenschirm verschwindet. Er versteckt sich, und gerade dadurch fällt er auf.
Für Venedig wurde aus der Leuchte eine Skulptur: in Deutschland gefertigt, nach Italien gebracht, rund 3,5 Meter hoch. WERNS selbst spricht im Rückblick auf die Performance sogar von fast vier Metern. Sie stand auf einem runden Sockel mitten im Kirchenraum, zwischen schweren Vorhängen und auf dem charakteristischen Schachbrettboden.

Ein Kirchenraum verändert, wie man ein Objekt ansieht. Licht fällt von oben, Stimmen tragen weit, und alles wirkt ein wenig feierlicher als auf einer Messe. Die Installation profitierte davon. Der Hase stand dort nicht wie ein Produkt, sondern wie eine Figur.
Von der weißen Skulptur zum Kunstwerk
Der Hase kam weiß nach Venedig. Am Eröffnungsabend, dem 11. Oktober 2025, verwandelte Juliane Golbs ihn vor Publikum in ein Kunstwerk. Begleitet von Musik arbeitete sie Schicht um Schicht, mit Pinseln, Sprühfarbe, den bloßen Fingern und feinen Details. Die Gäste konnten verfolgen, wie Farbe, Licht und Form zusammenkamen.
Wer selbst einmal vor Publikum gemalt hat, weiß, wie viel Konzentration das verlangt. Eine Leinwand im Atelier verzeiht Umwege. Eine Live-Performance hat ein Ende, das feststeht: Wenn der Abend vorbei ist, muss das Werk tragen. Juliane Golbs kennt diese Situation aus anderen Zusammenhängen, etwa vom gemeinsamen Live-Painting mit Joss Stone. Hier kam die Größe des Objekts hinzu. Gemalt wurde vom Gerüst aus, auf einer gewölbten Fläche, die man nie ganz auf einmal sieht.
Die Motive griffen flüchtige Momente des Alltags auf und spielten mit Anklängen an „Alice im Wunderland“. WERNS beschreibt die Installation als Erzählung über Neugier, Verwandlung und Gemeinschaft. Der Hase, der Alice in eine andere Welt lockt, wurde selbst zur Schwelle: zwischen Design und Kunst, zwischen Gebrauchsobjekt und Bild. Die Bildsprache der Künstlerin bewegt sich laut WERNS zwischen Kunst, Design, Kultur und Mode, und sie sei „zeitlos und elegant, dabei verspielt und modern“.
Ein Werk wird zum Emblem
Die Veranstalter wählten die Installation zum Emblem und Leitmotiv der Venice Design Week 2025. Das Werk stand damit für das gesamte Festival. Für eine Künstlerin aus Deutschland ist das eine bemerkenswerte Anerkennung, zumal in einer Stadt, die ihre Bildtradition mit großem Selbstbewusstsein pflegt.
WERNS und Juliane Golbs beschreiben ihre Zusammenarbeit als Begegnung zweier Disziplinen, die sich füreinander interessieren. Darin liegt ihr Wert. Ein Designobjekt behielt seine Form und seine Funktion als Zeichen, bekam aber eine Handschrift. Und eine Malerin fand eine Fläche, die nicht rechteckig ist, nicht an der Wand hängt und von allen Seiten betrachtet wird.
Bei der Preisverleihung des Festivals stiftete WERNS eine weiße Hiding Rabbit Lamp als Preis für junge Gestalter. Der Hase wurde so in mehrfacher Hinsicht zum Symbol dieser Ausgabe: für Neugier, für Licht und für die Inspiration, die man weitergibt.
Venedig und das Gold
Dass ein goldener Schirm gerade in Venedig so selbstverständlich wirkt, hat einen Grund. Kaum eine Stadt ist so eng mit Gold verbunden. Die Mosaiken des Markusdoms bedecken mehr als 8.000 Quadratmeter. Der größte Teil entstand zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Neben farbigem Glas bestehen sie aus Goldtesserae: kleinen Glaswürfeln, in die Blattgold eingeschmolzen ist. Der goldene Grund reflektiert das Licht und lässt die Figuren davor leuchten. Bis heute liefert die venezianische Manufaktur Orsoni, gegründet 1888, Glas- und Goldtesserae für die Restaurierung der Kuppeln und der Fassade.
Gold hat in diesen Mosaiken keine dekorative Aufgabe im heutigen Sinn. Es steht für einen Raum jenseits des Alltags, für Licht, das nicht von der Sonne kommt. Wer die Werke von Juliane Golbs kennt, versteht, warum diese Tradition ihr nahe ist. Auch bei ihr ist Gold kein Schmuck, sondern Licht. Es verändert sich mit der Tageszeit und mit dem Standpunkt des Betrachters. Wie sie mit 24-Karat-Blattgold arbeitet und was das Material kunsthistorisch bedeutet, erklärt der Beitrag Blattgold in der Malerei.
Farbe als venezianisches Erbe
Venedig steht in der Kunstgeschichte noch für etwas anderes: für die Farbe. Im 16. Jahrhundert unterschied man in Italien zwei Haltungen. Florenz stand für disegno, die Zeichnung als intellektuelle Grundlage des Bildes. Venedig stand für colorito, eine Malerei, in der die Farbe dominiert und die sinnliche, ausdrucksstarke Wirkung des Bildes trägt. Die National Gallery in London fasst diesen Gegensatz an zwei Namen zusammen: Tizian auf der venezianischen, Michelangelo auf der florentinischen Seite.
Bemerkenswert ist ein Detail: Farbe wurde im venezianischen Verständnis nicht vom Farbauftrag getrennt. Wer colorito betonte, betonte auch die Art, wie gemalt wird, den Pinselzug, die sichtbare Bewegung der Hand.
Die Malerei von Juliane Golbs steht in diesem Sinn näher an Venedig als an Florenz. Ihre Bilder leben von Farbschichten, von der Geste, von der expressiven Linie, die man im fertigen Werk noch als Bewegung der Hand erkennt. Die Performance in San Leonardo machte diesen Prozess öffentlich. Man sah keine fertige Komposition, die ausgemalt wurde, sondern ein Bild, das im Entstehen seine Richtung fand.
Limitierte Editionen für den guten Zweck
Zur Installation entstanden zwei limitierte Unikate. Juliane Golbs bemalte eine Hiding Rabbit Lamp in Originalgröße und eine Couture-Handtasche der italienischen Manufaktur Thaden. Beide Stücke wurden zugunsten eines guten Zwecks versteigert.
Das verbindet die Arbeit in Venedig mit einer Haltung, die sich durch das gesamte Werk der Künstlerin zieht: Schönheit soll etwas bewirken. Seit 2018 ist Juliane Golbs Botschafterin der NCL-Stiftung, die sich für Kinder mit der seltenen Stoffwechselkrankheit NCL einsetzt. Mehr dazu im Beitrag Kunst, die Verantwortung trägt.
Warum der Hase passt
Wer das Werk von Juliane Golbs kennt, wird den Hasen wiedererkennen. In ihrer Signature Collection steht er neben Krone und Anker als Zeichen: für Schnelligkeit des Denkens, für Wachheit, für Neugier. In Venedig trafen damit zwei Bildwelten aufeinander, die schon vorher verwandt waren. WERNS brachte den Hasen als Form mit, die Künstlerin brachte ihn als Bedeutung mit.
Gerade das macht die Zusammenarbeit glaubwürdig. Eine Marke hat hier nicht einfach eine Künstlerin gebucht, um ein Objekt zu verzieren. Zwei Seiten haben in einem gemeinsamen Motiv etwas gefunden, das beide schon beschäftigt hatte.
Venedig am Abend

Venedig gehört zu den Stationen, die die Künstlerin geprägt haben: Schwerin, wo sie geboren wurde, Hamburg, wo sie seit ihrem 18. Lebensjahr lebt, die Côte d’Azur, Deauville, Venedig. Es sind Orte, an denen Wasser und Licht die Wahrnehmung bestimmen. Wer an der Elbe malt, kennt das Flirren auf der Oberfläche, das ständig wechselnde Grau, Silber und Gold. In der Lagune ist dieses Licht weicher und wärmer. Die Verwandtschaft ist trotzdem spürbar.
Die Arbeit in San Leonardo zeigt, wie selbstverständlich sich eine Hamburger Malerin in diesem internationalen Umfeld bewegt. Und sie zeigt, wie eng ihre Kooperationen mit ihrer Malerei verbunden sind. Das Motiv kam aus ihrem eigenen Werk, das Gold aus ihrer Technik, die Haltung aus ihrem Engagement.
Was bleibt
Von einem Festival bleiben oft nur Fotos. Von dieser Installation bleibt mehr: ein Werk, das ein ganzes Festival repräsentiert hat, zwei Unikate, deren Erlös geholfen hat, und eine Zusammenarbeit, die zeigt, wie Design und Kunst sich gegenseitig aufwerten können.
Alle Partnerschaften von Juliane Golbs, von Venedig bis zur IFA in Berlin, finden Sie auf der Seite Dialoge. Ihre neueste Verbindung führt an die Elbchaussee: Über die Zusammenarbeit mit dem Hotel Louis C. Jacob lesen Sie im Beitrag Artist-in-Residence im Louis C. Jacob. Wer mit einem Haus von Rang über eine eigene Zusammenarbeit sprechen möchte, erreicht die Künstlerin über das Kontaktformular.
Werke zum Beitrag
Häufige Fragen
Was ist die Venice Design Week?
Ein jährliches Festival für zeitgenössisches Design in Venedig, 2010 von der Kulturvereinigung Arte e Design ins Leben gerufen. Die Ausgabe 2025 fand vom 11. bis 19. Oktober statt und verteilte sich auf Galerien, Werkstätten, Ateliers und historische Orte der Stadt.
Welches Werk zeigte Juliane Golbs in Venedig?
Eine rund 3,5 Meter hohe Hasenskulptur des deutschen Labels WERNS, nach dessen „Hiding Rabbit Lamp“. Juliane Golbs bemalte sie am 11. Oktober 2025 live in der Kirche San Leonardo. Das Festival wählte die Installation zu seinem Emblem.
Was geschah mit den Editionen aus Venedig?
Juliane Golbs bemalte zusätzlich eine Hiding Rabbit Lamp in Originalgröße und eine Couture-Handtasche von Thaden. Beide Unikate wurden zugunsten eines guten Zwecks versteigert.






