Die Künstlerin7 Min. Lesezeit

Zeitgenössische Künstlerinnen in Deutschland – Positionen der Gegenwart

Wie sieht die Malerei von Frauen in Deutschland heute aus? Ein Blick auf eine lange erkämpfte Geschichte, auf prägende Positionen der Gegenwart und auf das, was Sammler daraus lernen können.

Ausstellungseröffnung mit dem Wandschriftzug JULIANE GOLBS und zahlreichen Gästen vor großformatigen Gemälden

Wer heute nach zeitgenössischen Künstlerinnen in Deutschland sucht, findet ein Feld, das größer und vielfältiger ist als je zuvor. Malerinnen bespielen Museen und Messehallen, gestalten Fassaden und Hotelräume, arbeiten mit Marken und Stiftungen. Selbstverständlich ist das nicht. Dieser Beitrag skizziert, woher die Malerei von Frauen in Deutschland kommt, welche Positionen die Gegenwart prägen und wo die Hamburger Malerin Juliane Golbs in diesem Bild steht. Eine Rangliste ist er ausdrücklich nicht.

Eine erkämpfte Geschichte

Lange war der Weg in die Kunst für Frauen in Deutschland ein Umweg. An der Akademie der Künste in Berlin wurden Frauen erst im März 1919 zum Studium zugelassen. Bis dahin blieben ihnen Privatunterricht, kostspielige „Damenklassen“ oder Kunstgewerbeschulen. Eine Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum erinnerte 2019 unter dem Titel „Class Ladies!“ an diese Zäsur.

Wie viel trotzdem entstand, zeigt ein Haus in Bremen. Das Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße wurde am 2. Juni 1927 eröffnet, gebaut von Bernhard Hoetger im Auftrag des Kaufmanns Ludwig Roselius. Es gilt als das erste Museum weltweit, das dem Werk einer Malerin gewidmet wurde.

Wegbereiterinnen der Moderne

Zwei Malerinnen stehen am Anfang dessen, was man heute die Moderne in Deutschland nennt.

Paula Modersohn-Becker, 1876 in Dresden geboren, ließ sich 1898 in der Künstlerkolonie Worpswede nieder. Sie starb 1907 mit nur 31 Jahren. In dieser kurzen Zeit schuf sie ein Werk, das zu den wichtigsten des frühen Expressionismus gehört: vereinfachte Formen, Kinderbildnisse und Selbstbildnisse, darunter frühe weibliche Akt-Selbstporträts. Was sie malte, war ihrer Zeit voraus.

Gabriele Münter, 1877 in Berlin geboren, gründete gemeinsam mit Wassily Kandinsky und Franz Marc die Gruppe Der Blaue Reiter und wirkte am Almanach von 1912 mit. In Murnau am Staffelsee, wo sie 1909 ein Haus erwarb, lebte sie bis zu ihrem Tod 1962. Zu ihrem 80. Geburtstag 1957 schenkte sie der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München eine große Sammlung: eigene Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher und Druckgrafik sowie einen umfangreichen Bestand an Werken Kandinskys. Ohne diese Schenkung wäre die Geschichte des Blauen Reiters heute kaum so sichtbar.

Beide zeigen, dass die Malerei von Frauen in Deutschland keine Randnotiz ist, sondern zum Kern der Moderne gehört.

Auch Hamburg hat seine Pionierin. Anita Rée, 1885 in Hamburg geboren, gehörte 1919 zu den Gründungsmitgliedern der Hamburgischen Sezession. Ihre erste Retrospektive zeigte die Hamburger Kunsthalle erst 2017/2018, fast neunzig Jahre nach ihrem Tod. Mehr zur Hamburger Malerei steht im Beitrag über Künstler in Hamburg.

Was „zeitgenössisch“ bedeutet

Zeitgenössisch heißt zunächst schlicht: von heute. Gemeint sind Künstlerinnen und Künstler, die in der Gegenwart arbeiten und deren Werk sich noch entwickelt. Für Sammler ist das ein entscheidender Unterschied zur klassischen Moderne. Man erwirbt nicht ein abgeschlossenes Œuvre, sondern begleitet eine Arbeit, die weitergeht: neue Serien, neue Orte, neue Fragen. Man kann der Künstlerin begegnen, ihr Atelier besuchen, mit ihr über ein Werk sprechen. Diese Nähe gehört zum Reiz zeitgenössischer Kunst.

Positionen der Gegenwart

Die Gegenwart kennt keine gemeinsame Schule mehr, eher ein weites Spektrum. Zwei Namen zeigen, wie breit es ist.

Malerei als Raum: Katharina Grosse

Katharina Grosse, 1961 in Freiburg im Breisgau geboren, studierte in Münster und Düsseldorf und lehrte von 2010 bis 2018 als Professorin für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit den späten Neunzigerjahren trägt sie ungemischte Acrylfarbe mit einem industriellen Sprühgerät auf, auf Wände, Böden, Bäume, ganze Gebäude. Malerei verlässt bei ihr die Leinwand und wird zum Raum, den man betritt.

Malerei als Präzision: Karin Kneffel

Karin Kneffel, 1957 in Marl geboren, war Meisterschülerin von Gerhard Richter an der Kunstakademie Düsseldorf und ist seit 2008 Professorin an der Akademie der Bildenden Künste München. Ihre Stillleben und Interieurs sind von großer Genauigkeit; oft überlagert sie Orte, Gegenstände und Erinnerungen zu Bildern, in denen der Blick nie ganz zur Ruhe kommt.

Zwischen diesen Polen, der Farbe als Ereignis und dem Bild als genau gebautem Raum, bewegt sich ein großer Teil der Malerei, die heute in Deutschland entsteht.

Sichtbarkeit und Markt

Die Bühne ist größer geworden, der Markt bleibt ungleich. Nach dem Women Artists Market Report von Artsy, über den The Art Newspaper berichtete, entfielen 2022 rund 9,3 Prozent der weltweiten Auktionsumsätze auf Werke von Künstlerinnen. Über den Zeitraum von 2012 bis 2022 lag der Anteil bei rund 6 Prozent.

Für Sammlerinnen und Sammler ist das mehr als eine Statistik. Es bedeutet, dass viele starke Positionen noch nicht in den Preisen und Sammlungen angekommen sind, die ihrem Rang entsprechen. Wer heute Werke von Künstlerinnen erwirbt, sammelt nicht aus Pflichtgefühl, sondern mit dem Blick für das, was die Kunstgeschichte gerade nachholt.

Hamburg: das Atelier von Juliane Golbs

In Hamburg arbeitet Juliane Golbs. Geboren in Schwerin, zog sie mit 18 Jahren nach Hamburg, das zu ihrer Wahlheimat wurde. Ihre Malerei verbindet florale und romantische Motive mit expressiver Linie, häufig vollendet mit 24-Karat-Blattgold oder Goldlack.

Die Hand von Juliane Golbs auf einem Gemälde mit Goldgrund und violetten Blüten
Arbeit an einem Werk mit Goldgrund: Die Blüten entstehen Schicht für Schicht über dem leuchtenden Fond.

Ihre Werke sind in Serien geordnet, die man als Atmosphären lesen kann: Fifth Season über gelebte Zeit und das Licht der Gegenwart, deren Fortsetzung Heaven can’t wait mit stärker zeichnerischen Spuren, Golden Things als Studie über Gold und Licht, Everlasting Blossoms als florale Abstraktion und die Signature Collection mit dem JG-Monogramm.

Ausgestellt hat sie unter anderem 2021 in der Barlach Halle K in Hamburg. 2025 zeigte sie bei der Venice Design Week gemeinsam mit dem Hamburger Studio WERNS eine monumentale Hasenskulptur; seit 2025 ist sie Artist-in-Residence im Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee. Beim Elbjazz 2026 malte sie live, gemeinsam mit Joss Stone. Seit 2018 engagiert sie sich als Botschafterin der NCL-Stiftung gegen Kinderdemenz. Alle Stationen sind auf der Seite Ausstellungen & Presse verzeichnet.

Was ihre Arbeit von anderen Positionen unterscheidet

Man sollte Juliane Golbs nicht in eine Reihe mit Grosse oder Kneffel stellen, und sie selbst tut das nicht. Interessant ist eher, wo sich ihre Malerei in diesem Spektrum bewegt.

Von der raumgreifenden Geste der Gegenwart teilt sie die Freude an der Farbe als eigenständiger Kraft. Ihre Bilder bleiben dabei Bilder: Leinwände, oft große Formate, die für Wohnräume, Häuser und Hotels gedacht sind. Von der präzisen Tradition trennt sie das Spontane, die laufende Farbe, die Kreide- und Stiftspur. Was bleibt, ist eine dritte Haltung: Malerei als Zuwendung zum Leben, mit Gold als Material, das Licht nicht nur zurückwirft, sondern im Raum zu vermehren scheint. Wie das technisch geschieht, beschreibt der Beitrag über Blattgold in der Malerei.

Gäste bei einer Ausstellungseröffnung vor großformatigen Gemälden unter dem Wandschriftzug JULIANE GOLBS
Eröffnungsabend einer Ausstellung von Juliane Golbs. Malerei, die Menschen zusammenbringt, gehört zu ihrem Selbstverständnis.

Wo man zeitgenössische Künstlerinnen entdeckt

Die Wege zur Gegenwartskunst sind vielfältiger geworden. Die Rundgänge und Jahresausstellungen der Kunstakademien zeigen, was gerade entsteht. Kunstvereine, in Hamburg etwa der Kunstverein am Klosterwall, stellen Positionen vor, bevor der Markt sie kennt. Kunstmessen bündeln Galerien und Ateliers an einem Ort; Juliane Golbs war 2023 etwa auf der ARTMUC in München vertreten.

Hinzu kommen Orte, die man nicht sofort mit Kunst verbindet: Hotels, die mit Künstlerinnen zusammenarbeiten, Stiftungen, Festivals, Pop-up-Ausstellungen. Gerade hier begegnet man Malerei oft unerwartet und im Alltag, so wie die Gäste des Louis C. Jacob den Werken von Juliane Golbs begegnen.

Und schließlich das Atelier selbst. Viele Künstlerinnen öffnen ihre Arbeitsräume nach Vereinbarung. Ein solcher Besuch zeigt mehr als jede Ausstellung: Werke in verschiedenen Stadien, Material, Licht, die Art, wie eine Künstlerin über ihre Arbeit spricht.

Zeitgenössische Künstlerinnen sammeln: drei Hinweise

Die Biografie kennen. Ausstellungen, Kooperationen, Engagement: Eine nachvollziehbare Chronik zeigt, wie eine Künstlerin arbeitet und wohin sich ihr Werk entwickelt.

Die Serie verstehen. Ein einzelnes Werk wird reicher, wenn man weiß, aus welcher Werkgruppe es stammt und welche Frage diese Gruppe stellt. Die Serienübersicht von Juliane Golbs ist dafür ein guter Anfang.

Das Original sehen. Gold, Lack und Kreide verändern sich mit dem Licht. Ein Atelierbesuch nach Vereinbarung oder das Probehängen gegen einen kleinen Aufpreis, der beim Kauf verrechnet wird, ersetzt jede Abbildung.

Ein Anfang, kein Kanon

Die Geschichte der Künstlerinnen in Deutschland ist noch nicht fertig geschrieben, und jede Sammlung schreibt ein Stück davon mit. Wer sich der Malerei von Juliane Golbs nähern möchte, findet im Werkverzeichnis alle verfügbaren Originale oder lässt sich vom Kunstberater in vier Schritten zu den Werken führen, die zum eigenen Raum passen.

Häufige Fragen

Seit wann dürfen Frauen in Deutschland an Kunstakademien studieren?

An der Akademie der Künste in Berlin wurden Frauen im März 1919 zum Studium zugelassen. Davor waren sie auf Privatunterricht, teure „Damenklassen“ oder Kunstgewerbeschulen angewiesen.

Welche zeitgenössischen Künstlerinnen prägen die Malerei in Deutschland?

Zu den international bekannten Positionen gehören etwa Katharina Grosse mit ihren raumgreifenden Farbinstallationen und Karin Kneffel mit ihren präzisen Stillleben und Interieurs. Daneben arbeiten viele Malerinnen in den Städten, Ateliers und Galerien des Landes, in Hamburg zum Beispiel Juliane Golbs.

Sind Werke von Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt unterrepräsentiert?

Ja. Nach dem Women Artists Market Report von Artsy entfielen 2022 rund 9,3 Prozent der Auktionsumsätze auf Werke von Künstlerinnen, im Zeitraum 2012 bis 2022 rund 6 Prozent.

Wie kann ich Werke von Juliane Golbs sehen?

Im Hamburger Atelier nach Vereinbarung, im Hotel Louis C. Jacob an der Elbchaussee und im Werkverzeichnis auf julianegolbs.com.

Quellen

8 Quellen
  1. Lange Nacht der Museen Berlin 2019: „Class Ladies!“ – 100 Jahre Frauen an der Akademie
  2. Wikipedia: Paula Modersohn-Becker Museum
  3. Wikipedia: Paula Modersohn-Becker
  4. Wikipedia: Gabriele Münter
  5. Wikipedia: Anita Rée
  6. Wikipedia: Katharina Grosse
  7. Gagosian: Karin Kneffel
  8. The Art Newspaper: Women artists still dwarfed by male counterparts at auction (08.03.2023)